„BERGHOF“ – Die Keimzelle Wiens

Die langjährige Leiterin der Abteilung für Ur- und Frühgeschichte am Bundesdenkmalamt, Frau Hertha Ladenbauer-Orel, stellte 1974 in ihrem Buch „Der Berghof“ die Hinweise auf eine Siedlungskontinuität in der Innenstadt Wiens dar.

Der Großteil des Stadtgebiets war entvölkert, in einem Areal beim jetzigen Hohen Markt leben aber seit nunmehr 2000 Jahren ohne Unterbrechung Menschen. Im zweiten Weltkrieg wurden im Bereich Marc-Aurel-Straße, Sterngasse, Berghof, Ruprechtsplatz und Judengasse Häuser schwer bombenbeschädigt. Im Zuge von Renovierungsarbeiten begann man ab 1962 auch mit wissenschaftlichen Grabungen.

Bei Kelleraushebungen stießen die Stadtarchäologen auf Reste gotischer Steinhäuser, die um 1200 – nach der Fertigstellung der neuen Stadtmauer – gebaut worden waren. Die mittelalterlichen Mauern in der Sterngasse und der Marc-Aurel-Straße – laut damaliger Bauvorschrift zwei Stockwerke hoch und nur zwei Fensterachsen breit – waren direkt auf eine etwa einen Meter starke römische Mauer aus Quadersteinen von 20x20x30 Zentimeter aufgesetzt, die vermutlich vom Bad des um 100 n.Chr. gegründeten Limeskastells Vindobona stammen.

Für Ladenbauer-Orel gilt es als erwiesen, dass sich hier sofort nach Aufgabe des Legionskastells Menschen eine Bleibe geschaffen haben. Wahrscheinlich waren es verheiratete Soldaten, die dem Aufruf Odoakers zur Rückkehr nach Italien nicht folgten. Ihre Nachkommen erweiterten im Laufe der Zeit diese Siedlung und bauten sie zu einem Gebäudekomplex mit einer beherrschenden Burg aus. Dieses als „Berghof“ bekannte Gebäude lag zwischen Hohem Markt, Marc-Aurel-Straße, Sterngasse und Judengasse und bildete den Kern für die spätere Stadt. Die Burg wurde vermutlich von einem Handelsherrn bewohnt. Sie wurde auch als Sammelstelle für Weintrauben aus den Wein-„Bergen“ benutzt. Als „Berghof“ wurde der Baukomplex erstmals im „Fürstenbuch“ von Jans der Enikel um 1280 bezeichnet.

Die Lebensgrundlage der Bewohner sicherte vermutlich ein im Nordosten des Lagers etablierter Markt. Ursprünglich 26.000 m² groß – von der heutigen Fischerstiege über den Fleischmarkt hinaus bis zum Fischhof -, diente er der Bevölkerung während der Völkerwanderungszeit auch als Fluchtplatz. Auf ihm könnten auch auswärtige Händler übernachtet haben. Später wurde er immer mehr verbaut. Vor der ersten Bebauungsphase des im 14. Jahrhundert „Kienmarkt“ genannten Areals wurde auch Raum für eine Marktkirche gelassen. Das bestätigt auch der österreichische Archäologe Richard Perger. Er datiert die Errichtung der Ruprechtskirche, des ältesten Wiener Gotteshauses, in der Ära zwischen den Awarenkriegen Karls des Großen (791 -803) und der Neuordnung der Kirchenprovinzen in den Jahren 828/29.